Bildung & Pädagogik

Zum Transfer ermutigen – Teacher Coaching in Taiwan

Bericht von Rebecca Bernstein

TS 85420Das Seminar für Waldorfpädagogik Hamburg hat in den vergangenen Jahren die Zusammenarbeit mit der größten pädagogischen Universität in Taiwan stetig ausgebaut und intensiviert. Auch in diesem Jahr war ein Team aus Dozenten und tätigen Lehrern wieder vor Ort – mit einer besonderen Kombination aus universitärer Ausbildung und einem Angebot für Schulen: dem Teacher Coaching.

 

 

„Der Vorschlag, neben den Vorlesungen an der Tsing Hua University auch an Schulen zu hospitieren und die Lehrer zu coachen, stammt von meinem Kollegen Stephan Knauer“, erklärt Tom Singer-Carpenter, Dozent am Hamburger Waldorfseminar. Die Gastdozenten halten an mehreren Wochenenden (Sa/So) Vorlesungen und arbeiten in der Woche in den Schulen mit tätigen Lehrern. Dazu erstellen die Schulen einen Plan.

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Asiatische Pläne seien oft gnadenlos, „die gehen von morgens bis spät – mit oft nur einer 20-Minuten Pause“, sagt Singer-Carpenter. Das Team hospitiert in den Haupt- und Fachunterrichten, gibt Rückmeldungen, methodisch-didaktische Hinweise oder Ratschläge zur Zeitgestaltung. Die Pädagogen hätten auch großes Interesse daran, zu einzelnen Kindern den Blick von außen gespiegelt zu bekommen. „Da geht es unter anderem darum, wie man sie besser integrieren kann.“ Als große Bereicherung werden dabei die Anregungen der Dozenten aus der inklusiven Waldorfpädagogik empfunden, die in Hamburg seit 2018 Bestandteil des Curriculums ist.

Berufsbegleitendes Studium auch für Eltern

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In Taiwan wie in Korea ist die Waldorfpädagogik eine Gegenbewegung zur staatlichen Schulbildung, die jedoch von der Regierung zum Teil gefördert wird. Der Mittelstand sucht verstärkt nach einer Alternative zum leistungsbetonten öffentlichen Schulsystem, unter dem die Eltern bereits gelitten haben. Oft sind diese Eltern, intellektuell und wohlhabend, die treibende Kraft, mit einem hohen Anspruch „auch wirklich Waldorf zu machen“. Manche Schulen wiederum erwarten von mindestens einem Elternteil eine waldorfpädagogische Ausbildung, um die Pädagogik auch zuhause mitzutragen. Ein großer Teil der Teilnehmer des berufsbegleitenden dreijährigen Studiums an der National Tsing Hua University in Taiwan sind Waldorfeltern! Der Pädagogikexport aus Deutschland genießt hohes Ansehen.

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Das Hamburger Coaching Team steht dabei vor einer spannenden Aufgabe: Die Kollegen zu ermutigen, Waldorfpädagogik in die eigene Kultur zu adaptieren. Man müsse dafür offen sein, die Dinge zu metamorphosieren, betont Tom Singer-Carpenter, sie so zu verwandeln, „dass der Kern erhalten bleibt, das Erscheinungsbild aber unter Umständen ein völlig anderes ist.“ Wie diese Metamorphose aussehen kann, erläutert der Dozent am Beispiel der Epoche Schöpfungsgeschichte. „Sie wollen es richtig machen und kopieren erst einmal.“ In der taiwanesischen Kultur gibt es eine eigene Genesis, also keine, auf der die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments beruht. „Wir haben sie nach ihrer eigenen Entstehungsgeschichte gefragt und sie aufgefordert, an diese Wurzeln anzuknüpfen.“ Im Coaching geht es also auch darum, immer wieder die pädagogische Bedeutung zu (er)klären. „Wenn man im Kern versteht, warum man in der vierten Klasse Kreuzstich oder Bruchrechnen macht und welcher Entwicklungsschritt dadurch unterstützt wird, kann man auch andere Techniken verwenden.“

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Nicht nur kulturelle, auch klimatische Aspekte spielen eine Rolle. Die als Coffee-School bekannte Gukeng Waldorf School beispielsweise, liegt mitten in einer großen Kaffeeplantage in den Bergen. Bei der hohen Luftfeuchtigkeit ist der Einsatz von Holzinstrumenten wie die Choroiflöte äußerst fragwürdig. Warum nicht Flöten aus Bambus verwenden? „Sie haben in ihrer Tradition wunderbare Bambusflöten, die auch gehaucht gespielt werden. Wir ermutigen sie, ihre Bambusflöten zu verwenden“, sagt Tom Singer-Carpenter. Zum Transfer anregen, erfinderisch sein, auch mal querdenken – das ist es, was das Singer-Carpenter und seine Kollegen antreibt. „In der Eurythmie haben wir jetzt ebenfalls mit Bambus statt Kupferstäben experimentiert.“ Der Bambus ist zu leicht? Dann wird er halt gefüllt… „und schon hat man wunderbare Eurythmiestäbe”.

Zur Auseinandersetzung zwischen Geist und Materie anregen
Eine weitere Herausforderung ist der spirituelle Zugang zur Waldorfpädagogik. Der fällt Menschen aus dem asiatisch-buddhistischen Kulturkreis zwar leichter, schafft aber gleichzeitig auch Hürden. „In der asiatischen Kultur ist der Mensch so sehr in seiner religiösen Übereinstimmung, dass er irdische Verhältnisse ausblendet.” An der Frage des Atmens lasse sich das gut verdeutlichen, so Singer-Carpenter. „Während wir eher die Tendenz haben, zu kurz zu atmen, tendieren Taiwanesen dazu, zu sehr auszuatmen. Wir sagen ihnen dann, das Kind muss auch mal wach werden und ihr seid dafür verantwortlich, dass es aufwacht und sich mit dem Stoff auseinandersetzt.”

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Unterrichtsstoff werde auch in Taiwan nur als abrufbares Material gesehen, nicht als lebensnotwendige Substanz. „Es gehe aber darum, “das Kind mit seinem physischen Leib mit der materiellen Welt in eine gute Verbindung zu bringen, also um die Auseinandersetzung zwischen Geist und Materie.“

Und noch ein weiterer Aspekt steckt in der Frage des Atmens – das Ringen um den Rhythmus. Wie sieht ein gut rhythmisierter Stundenplan aus? Lässt sich Hauptunterricht mit einer festgelegten Länge von 120 Minuten so gestalten, dass „es irgendwie atmet und sich nicht ewig in die Länge zieht? Das versuchen wir zu vermitteln.“ Der Austausch ist fruchtbar – für beide Seiten.

„Ich werde durch diese Erfahrungen in Asien eigentlich immer wieder aufgefordert, den Dingen auf den Grund zu gehen und zu fragen, was der Kern der Waldorfpädagogik ist. Manchmal stelle ich dabei fest: Dieses pädagogische Element ist reine Tradition, das hat eigentlich keinen Kern.“ Aber in den meisten Fällen werde man bestätigt, dass die Waldorfpädagogik einen ganz lebendigen Kern hat. Und dass es in jeder Kultur der Welt möglich ist, Waldorfpädagoigk zu machen. “Sonst wäre es nur ein Import oder ein Klonen – es ist aber nie dasselbe, es ist immer anders.“