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Anthroposophie

Wieso eigentlich Tannengrün?

Ein ganz besonderes interkulturelles Adventsgärtlein…

Als wir unser Kennenlern-Café vor zwei Jahren ins Leben riefen, achteten wir vor allem darauf, die Bedürfnisse der Syrer und Afghanen zu berücksichtigen. Es gab Tee, Kaffee, Baklava und viel buntes Bastelmaterial für die Kleinen. Wir halfen beim Ausfüllen von Anträgen und beim Entziffern von Bescheiden aus dem deutschen Amtsstuben. Mittlerweile haben viele der geflüchteten Menschen eine eigene Wohnung, absolvieren Sprachkurse, sind in Sportvereinen und ihre Kinder gehen in richtige Schulen. Die Zeiten haben sich geändert.

Wieder nahte die Adventszeit und wieder einmal schmückten die vertrauten Adventsgestecke samt Kerzen die Tische unseres Kennenlern-Cafés in einem Gemeindehaus in Hamburgs Westen. Ich saß mit Aisha aus Aleppo an einem der Tische. Die Mutter von drei Kindern spricht mittlerweile gut Deutsch und macht ein Praktikum bei einer Hausverwaltung. Weil eine Gesprächspause entstand, zeigte ich auf das Tannengesteck und auf den Adventskranz, der schräg über uns schwebte, und sagte: „Schön, nicht wahr?!“ Aisha lächelte verlegen und nickte gequält. Zumindest war sie ehrlich. Meine Versuche, ihr die Vorzüge von Tannengrün und die schlichte Schönheit der Nadeln sowie ihres Dufts, näher zu bringen, gingen in Leere. Amal, eine Jesidin vom Nachbartisch, fügte erklärend hinzu: „Ja, ja, diese Tanne ist momentan überall“.

Schnell war unmissverständlich klar, unser jahrhundertealtes Brauchtum, weihnachtliche Behaglichkeit durch die großzügige Verwendung von Tannengrün in Kombination mit Kerzenschein zu erzeugen, war kaum zu vermitteln, am wenigsten verbal. Die Gestecke und Kränze waren für unsere arabischen Freunde skurrile und vor allem pieksige Dekoartikel. Weiter nichts. Konnten sie mit blinkenden Lichterketten in Einkauftrassen und in Fensterläden noch etwas anfangen, war ihr Verständnis für die Schönheit von Fichte, Nordmann und Nobilis eher begrenzt.

Bis zu unserem nächsten Treffen gab es genug Zeit zum Nachdenken. Bei vielen Gelegenheiten hatten wir immer wieder gestaunt über die fast kindliche Gemütshaftigkeit unserer neuen Freunde. Es hatte viele Situationen gegeben, wo sie ihr reiches seelisches Empfinden gezeigt hatten. Wie konnten wir daran anknüpfen, wie würde es uns gelingen, ihren ästhetischen Sinn für die Tannen-Tradition ihrer neuen Heimat zu gewinnen? Wie waren unsere eigenen Kinder überhaupt auf den Geschmack gekommen? Wie war ihre Beziehung zur Tanne entstanden und gewachsen?

Das Advents-Gärtlein im Kindergarten kam mir in den Sinn…

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Schon eine Woche später trafen wir uns erneut zu unserem Kennenlern-Café. Mehr als 40 Syrer und Afghanen nahmen auf den Stühlen Platz, die wir diesmal im großen Kreis aufgestellt hatten. In der Mitte häuften sich Tannenzweige. Alle blickten sich ratlos um. Schnell waren die Heckenscheren verteilt und helfende Hände gefunden. Die Zweige wurden zerteilt, Harz klebte an den Fingern, Tannenduft machte sich breit und die Kinder durften mit dem Formen der großen Spirale beginnen. Schnell hatten alle die Aufgabe erkannt und halfen. Geschickt und emsig ordneten Groß und Klein die Tannenzweige so, dass die Schnittstellen der Äste unsichtbar blieben. Dann verteilten wir kleine Teller neben dem Tannenstrang. Wir löschten das Licht. Nur die Flamme der großen roten Kerze im Zentrum der Spirale erleuchtete schwach den Gemeindesaal. Mangels einer live-Violine, ertönte leise ein elektronisches Adagio von Bach.

Wenn nur bei den kleinen Kindern der Funke überspringen würde und sie uns ihr Vertrauen schenkten, wäre viel erreicht. Tatsächlich, der 6jährige Ahmad nahm zögernd meine Hand und folge mir in die Spirale, ich drückte ihm die Kerze in die Hand und flüsterte: „Geh langsam bis zum Ende und zünde deine Kerze an.“ Ohne zu zögern, ohne sich umzublicken oder nach seine Eltern zu schauen, ging er weiter, zündete geschickt seine Kerze an, stellte sie auf einen der kleinen Teller ab und schritt schweigend den Weg zurück. Auch Amira (9) nahm mir ohne zu Zögern die Kerze aus der Hand und folgte den Windungen der Spirale. Die 6jährigen Zwillinge Amir und Ali lehnten ab, dafür kam der sonst so schüchterne Mohamed von alleine zu mir, danach Junis und Sheila. Die Selbstverständlichkeit und das Vertrauen, mit dem sich die Kinder dieser ihnen völlig fremden Aufgabe und diesem neuen Ritus widmeten, überraschte uns. Aber völlig verblüfft waren wir, als nun auch 15jährige Geschwister und 24jährige Studenten es ihnen gleich taten. Auch Ferydon aus Kabul und sein Freund Hashmatollah in ihren Adidas-Shirts schritten feierlich und freiwillig ins Innerste der Spirale. Besonders schön war die ehrfürchtige Haltung, mit der sich die Erwachsenen im Zentrum hinknieten, um ihre Kerze zu entzünden. Mit soviel Bereitschaft und Annahme hatten wir nie gerechnet. Uns gingen die Kerzen aus, deshalb bedienten wir uns an den Adventsgestecken, die unser Kuchenbuffet zierten, um auch alle Eltern mit Kerzen zu versorgen. Am Ende war der Raum hell erleuchtet von 42 Kerzen, das Bach-Adagio war sechsmal verklungen und ein adventliches Gefühl der Gemeinschaft war entstanden, wie wir es in dieser Intensität noch nie erlebt hatten, dass in seiner schlichten Schönheit aber der Idee des Advents-Gärtlein aus dem Waldorf-Kindergarten entspringt. Und wir sind voller Zuversicht, das es uns gelungen ist, vor allem den Sinn, Zweck und die Bedeutung der Tanne zur Weihnachtszeit für alle neu belebt zu haben.

(Julia Engelbrecht-Schnür)

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