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Gesundheit

Missbrauch in der Familie – wie unklare Rollen zu Grenzverletzungen führen

hands offFast hundert Prozent des sexuellen Missbrauchs an Kindern findet in der Familie oder im nahen Umfeld der Familie statt. Es muss also in Familien bestimmte Bedingungen geben, die Missbrauch begünstigen.

Ingrid Ruhrmann arbeitet als Sonderpädagogin und Entwicklungsberaterin am Bernard-Lievegoed-Institut in Hamburg. Ihren Vortrag im Rahmen der Weiterbildung »Integrative Diagnostik« fasst die Psychologin Annette Willand zusammen. 

Welche Bedingungen begünstigen den familiären Missbrauch?
In einer nach systemischen Gesichtspunkten »funktionalen« – also gesunden – Familien tragen beide Elternteile die Verantwortung und treffen alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam. Selbst wenn der Vater aus beruflichen Gründen viel abwesend ist, bleibt er auf dem Laufenden und kann dadurch – sobald er zu Hause ist – sofort wieder seine Vaterrolle wahrnehmen. Die Eltern sind zudem nicht nur Eltern, sondern auch ein Liebespaar. Und auch die Geschwister bilden eine eigene Einheit. Beide Einheiten behalten ihre Geschlossenheit und damit ihre Geheimnisse.

»Format«-Verlust durch gestörte Elternbeziehungen
Nun gibt es aber auch Väter, die ihre Abwesenheit dazu nutzen, um sich aus der Verantwortung zu ziehen. Und Mütter, die das begrüßen. Ein solcher Vater kommt nach Hause und weiß nicht, was in der Zwischenzeit vorgegangen ist. Die Mutter, die ihre Entscheidungen derweil allein getroffen hat, empfindet die Versuche des Vaters, seine Verantwortung wieder zu übernehmen, als Einmischung und reagiert darauf gereizt, oder sie ist froh, wenn derartige Versuche unterbleiben. Folge dieser Dynamik: Der Vater verliert sein »Erwachsenen-Format« und rutscht in die Kinderrolle. Er wird zum großen Bruder seiner eigenen Kinder. Der Platz neben der Mutter ist nun frei. Ein Vakuum entsteht, das geradezu den ältesten Sohn oder die älteste Tochter an die Seite der Mutter »saugt«. Er oder sie muss nun groß sein, Verantwortung tragen und wird der Mutter zum Partner – bei Jungen oft mit erotischem Beigeschmack (»Wie gefällt dir mein neues Kleid?«). Das Kind verliert sein »Kinder-Format«. Diese »Parentisierung« seitens der Mutter stellt einen Missbrauch auf seelischer Ebene dar, der sich für die spätere Fähigkeit, erwachsene Liebesbeziehungen zu führen, ähnlich verheerend auswirkt wie der körperliche Missbrauch. Der Vater dagegen fühlt sich von seiner Frau zurückgestoßen, einsam in seiner kindlichen Rolle und verbündet sich mit einer seiner Töchter. Da die sexuelle Beziehung zwischen den Eltern in diesem Stadium meist gestört ist, bekommt diese Vater-Tochter-Achse schnell einen erotischen Unterton, der sexuelle Übergriffe ermöglichen kann. Auch dieses Kind fällt durch die »Erotisierung« seitens des Vaters aus seinem kindlichen Format und seiner Rolle als Tochter.

Die Folge sind gestörte Eltern-Kind-Beziehungen
Beide »auserwählten« Kinder erleben sich übergroß und wichtig in ihrer Funktion als »Objekt« und Partnerersatz, in ihrem kindlichen »Subjekt«-Sein hingegen eingeschränkt und klein. Die Kinder leiden unter großen (Verlust-) Ängsten und geraten in starke Loyalitätskonflikte. Denn sind sie Liebling des einen – insbesondere des gegengeschlechtlichen – Elternteils, sie erleben, dass der andere Elternteil eifersüchtig auf sie ist. Die Identifikation und der liebevolle Kontakt mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil ist gestört. Die Kinder fühlen sich nicht mehr aufgehoben, denn die tragende Einheit der Eltern ist zerbrochen, die Geschwistereinheit gesprengt, das eigene Format verloren. Die Rollen sind doppelbödig und unklar – sie scheinen anders als sie tatsächlich sind.

Über den Tastsinn verbindet und trennt sich das Kind von seiner Umgebung
Die Grenzverletzungen und unklaren Rollen wirken sich negativ auf die Reifung des Tastsinnes als Eigenwahrnehmungssinn aus. Um dies verstehen zu können, muss man zunächst wissen, wie sich der Tastsinn und Grenzsinn in gesunder Weise entwickelt: In der Schwangerschaft, bei der Geburt, bei der Pflege, beim Tragen, beim An- und Ausziehen entsteht im Kind während der ersten Lebensjahre ein ganzheitliches, geschlossenes, sicheres Seinsgefühl. Aus diesem Gefühl heraus kann es sich von der Mutter oder anderen Bezugspersonen nicht nur als getrennt wahrnehmen, sondern auch trennen. Bei weiterer Ausreifung führt diese Wahrnehmung des Selbst in die Trotzphase, in der das Kind beginnt »Ich« zu sagen und feststellt: »Ich will das – Mama will etwas anderes.« An dieser Stelle wird die Metamorphose des Tastsinns in den Ich-Sinn deutlich. »Ich muss zuerst mein geschlossenes, abgegrenztes Daseinsgefühl über den Tastsinn ausbilden, aus diesem Gefühl heraus wissen, was ich will, um dann im nächsten Schritt einen anderen Menschen als eigenständige Person mit einem eigenen Willen, eigenen Bedürfnissen und einer eigenen Rolle zu begreifen. Diese Fähigkeit beschreibt Rudolf Steiner mit dem Wort ›Ich-Sinn‹: Der Ich-Sinn vermag das Wesen, das ›Ich‹ der anderen Person, ihre Grenzen und ihre Rolle wahrzunehmen und zu achten«, führt Ingrid Ruhrmann aus. Missbrauch bedeutet, dass Nähe und Berührung zwischen Elternteil und Kind nicht allein dazu dienen, die kindlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Stattdessen mischen sich die Bedürfnisse des Erwachsenen mit hinein, die er am Kind befriedigt. Da Missbrauch meist früh beginnt, kann sich die durch den Tastsinn vermittelte Hülle nicht schließen und kein abgegrenztes, eigenes Daseinsgefühl entstehen. Stattdessen entwickelt sich ein verwirrendes, verunsicherndes Wir-Gefühl, in dem das Kind kein reines »Ich-will-das!« erleben kann, sondern stets eine Mischung aus Eigen- und Fremdwillen erfährt. Und weil das Kind dem Erwachsenen völlig hingegeben, ja ausgeliefert ist, wird es dessen Willen und nicht den eigenen wahrnehmen und erfüllen.

»Muster mit unklaren Rollen und Missbrauch durchziehen über Generationen hinweg wie ein roter Faden die Geschichte betroffener Familien.«

Grenzverletzungen
Die Folgen solcher seelischen und körperlichen Übergriffe sind Beziehungsstörungen. Der Betroffene hat Schwierigkeiten, sich und den anderen als jeweils eigenständige Einheit wahrzunehmen, die eigenen Grenzen und die des anderen zu erkennen und zu achten. Oftmals neigen die Betroffenen dazu, automatisch und unbewusst den (vermeintlichen) Willen des anderen zu erspüren, ohne dabei überhaupt die Geschlossenheit und das eigene Wesen des »Du« erfassen zu können. Sie begehen, ohne es zu bemerken, Grenzübertritte bei anderen Menschen. Sie lassen selbst aber auch Grenzüberschreitungen von anderen zu und erfüllen bereitwillig deren (vermeintliche) Wünsche, denn als Kind haben sie gelernt, dass Beziehungen so funktionieren. Dieser Mangel an Grenzwahrnehmung und »Eigensinn« kann sich in aufopferungsvoller, bewundernswerter Hilfsbereitschaft gegenüber anderen zeigen, die schließlich zu tiefer Erschöpfung und zum Gefühl führt, ausgenutzt worden zu sein, da die eigenen Bedürfnisse nicht wahr- oder Ernst genommen werden.

Missbrauch pflanzt sich durch Generationen fort
Kindesmissbrauch in der Familie ist kein Problem unserer Zeit. Die langjährige Arbeit im Bernard Lievegoed Institut mit Genogrammen (Familienstammbäumen) zeigt: Muster mit unklaren Rollen und Missbrauch durchziehen über Generationen hinweg wie ein roter Faden die Geschichte betroffener Familien. »Dort, wo es heute auftritt, war es schon immer«, so Ingrid Ruhrmann. Sie begründet dies mit der Partnerwahl: Kinder aus einem »funktionalen« Elternhaus werden später kaum dauerhafte Partnerschaften mit Menschen aus irritierten Elternhäusern eingehen und Familien mit ihnen gründen. Die Unklarheiten bezüglich Rollen und
Grenzen sind ihnen fremd und suspekt. Menschen aus nicht funktionalen Elternhäusern hingegen empfinden irritiertes Verhalten als vertraut und normal und finden dementsprechend wieder zusammen.

Alleinerziehende sind besonders gefährdet
Alleinerziehende sollten sich der Gefahr des Vakuums bewusst sein, das der andere Elternteil hinterlassen hat. Es ist wichtig, sich täglich die Kinder-Rolle der Kinder vor Augen zu halten (»Das musst du noch nicht können!«, »Ich mach’ das schon«). Unerlässlich in diesem Kontext sind darüber hinaus gute Freunde, bei denen die Kinder ihre Mutter oder ihren Vater aufgehoben und gestützt wissen, so dass sie das Gefühl bekommen, dass ihre Hilfe nicht nötig ist und Mama und Papa gut ohne sie zurecht kommen. Bei Alleinerziehenden, deren Partner verstorben ist, oder bei Eltern, die als Paar getrennt sind, aber gemeinsam ihre Elternrolle in voller Verantwortung behalten, entsteht kein wirkliches Vakuum, wenn der (innere) Kontakt zum verstorbenen oder getrennten Elternteil aufrecht erhalten wird und er daher seine angestammte Präsenz im Familiensystem behält. Eltern, die Tendenzen zu unklaren Rollen in der Familie wahrnehmen, können diesen mit viel Achtsamkeit und Bewusstheit entgegenwirken. Stärker betroffene Familien, eventuell auch mit einer »ererbten« Missbrauchsproblematik,
sollten Hilfe durch eine Familientherapie suchen, wie sie von öffentlichen Erziehungsberatungsstellen angeboten wird. Hier können die schon als Kind gelernten Muster identifiziert und entschärft werden, bevor es tatsächlich zu Missbrauch kommt.

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