Brasilien – ein Weckruf

Dieser Text ist ein persönlicher Erfahrungs- und Reflexionsbericht von Dr. Rudolf Völker.

Straße von sao paulo mit großem Wandgemälde

Am 28. Oktober 2025 brannte(n) in Rio de Janeiro die Hütte(n). Es ist ungemütlich, auf einer 30-stündigen Busfahrt aus dem Kakaozentrum Ilhéus im Nordosten Basiliens nach Rio de Janeiro ausgerechnet dann in diese sprichwörtlich wundervolle Stadt („Cidade maravilhosa“) anzureisen, wenn die Polizei die seit fünfzehn Jahren umfangreichste Razzia gegen die Drogenbanden in den Favelas der Stadt unternimmt – und die im „Comando Vermelho“ organisierten Banden dann Gegenangriffe unternehmen: Straßen blockieren, Supermärkte plündern und Menschen niederknallen. Bis zum absoluten Akku-Nullpunkt füllt sich mein Handy innerhalb weniger Stunden mit Instagram-Videos von dem Ausnahmezustand am Zuckerhut: mit Rauchsäulen-Fotos und Plündervideos, mit Warnungen wohlmeinender Brasilianer – und Übernachtungsangeboten von Freunden und Kollegen! In der Nacht macht der Bus – wie immer – alle drei Stunden eine Rastpause, so dass ich auch den Akku meines Handys wieder ein wenig aufladen und den Kontakt zu den diversen Informationsquellen pflegen kann: Ich soll derzeit auf keinen Fall nach Rio einreisen – so die einhellige Meinung meiner brasilianischen Freunde. Das Ende dieser Fahrt ins Ungewisse kommt dann für mich ganz unvermutet: die Stoßdämpfer des Busses haben die lange Fahrt über unasphaltierte Straßen nicht überstanden, der Bus hält 70 Kilometer vor Rio am Straßenrand; ich lasse mir nach einiger Diskussion mit dem Busfahrer das Gepäck ausladen und werde von einer Freundin abgeholt, deren Haus in Saquarema, in der Nähe von Rio, ohnehin mein eigentliches Reiseziel war –  nur, dass die Buslinie dorthin vorübergehend den Verkehr eingestellt hat und wir deshalb eigentlich schon klar gestellt hatten, dass es mit einem Treffen dieses Mal nichts werden würde. Nun soll es also doch sein: Graças a Deus!

Es ist eine Sache, wenn man vorübergehend in seiner Reiseplanung etwas durcheinander kommt – eine andere Sache ist es, dauerhaft unter solchen Umständen in einer Favela zu leben! 120 Menschen sind dieses Mal bei den Auseinandersetzungen innerhalb weniger Stunden ums Leben gekommen: nur diese absurde Zahl bringt das Thema am 28.10.2025 in die Nachrichten: Ganztägig, ununterbrochen! Ansonsten ist das Alltag. In Rio. Aber auch in den Randgebieten von São Paulo. Das Comando Vermelho in Rio de Janeiro, die PCC in São Paulo („Primeiro Comando da Capital“, das „erste Kommando der Hauptstadt“) sind von reinen Drogenbanden inzwischen zu mafiösen Kartellen aufgewachsen, die mit Karnevalsvereinen, eigenen Anwälten und sozialen Förderprogrammen eine Sekundärstruktur bilden und, zumindest regional, eine Art Parallelregierung zu bilden versuchen. Die Neuigkeit des Jahres 2025 ist, dass in Rio im Oktober erstmalig bewaffnete Flugdrohnen aus der Ukraine zum Einsatz kamen: kein Spaß für die Polizei-Hubschrauber. Wir sollten nicht annehmen, dass es folgenlos bleibt, wenn Mexikaner, Kolumbianer und Brasilianer aus dem Drogenkrieg ihrer südamerikanischen Heimat in eine europäische Auseinandersetzung hinein gehen, in einem der korruptesten Länder der Welt eine Zeit lang kämpfen und im bewaffneten Kampfe fortgebildet werden. Dass sich europäische Konflikte auch im Fluchtland Brasilien abbilden, erfuhr auch der deutsche Schriftsteller Stefan Zweig, dessen Werben für das „Land der Zukunft“, wie er Brasilien in seinem letzten Buch nannte, 1942 tragisch endete.

Think globally – act locally

In den achtziger Jahren hatte ich als Teilnehmer eines Einführungskurses über anthroposophische Medizin von einem Sozialprojekt erfahren, das die Waldorflehrerin Ute Craemer 1979 in einer Favela in São Paulo begründet hatte. Was als Nachbarschaftshilfe für etwas vernachlässigte Kinder aus der Favela Monte Azul begann, hatte im Laufe der Jahre durch alle Schwierigkeiten hindurch Kontur und Struktur gewonnen: Kindergärten entstanden, ein kleines Ambulatorium, eine (Ausbildungs-)Schreinerei, ein Kulturzentrum. Diese Arbeit, die sich als „sozial-pädagogische Bildungs-Werkstatt“ definierte, ist im Laufe der Jahre auf verschiedene Weise in das Blickfeld der Sozialbewegungen in Südamerika und Europa getreten und mit eigenen und sekundären Veröffentlichungen inzwischen gut abgebildet. Von Beginn an war es eine Entscheidung der Projektgründer, den Verein als brasilianischen Verein zu begründen und „buttom up“ zu arbeiten: Nicht „Hilfe von oben“, mit ausgebildeten Fachkräften von außerhalb, sollten die Entwicklung dieser Communidade prägen; sondern die Einwohner selbst sollten zu Fachkräften ausgebildet werden: Mütter zu Kindergärtnerinnen, Kinder zu Schreinern und Sozialarbeitern. Parallel entschied man sich dafür, Freiwillige aus anderen Teilen der Welt mitarbeiten zu lassen; eine nicht ganz leichte Grundsatzentscheidung, denn es kamen – jedes Jahr wieder – Menschen in das Projekt, die im Normalfall guten Willens oder im Einzelfall auch mit beruflichen Kenntnissen kamen, in fast jedem Fall aber zunächst Zeit benötigten, um die Sprache und bestimmte brasilianische Grundregeln des Miteinander zu erlernen. Um dann, wenn sie sich eingelebt hatten, wieder zurück zu gehen: ein permanentes Abschiednehmen, das nicht immer allen leicht fiel. Dennoch war dies beschlossen und hat im Laufe der Jahrzehnte vielen Menschen aus allen möglichen Ländern dieser Welt zum Teil tiefe Einblicke in die Lebenswirklichkeit an einem ganz anderen Winkel dieser Welt ermöglicht. Ich selbst war 1991 zu einem ersten, orientierenden Arbeitsbesuch im Ambulatórium von Monte Azul, um dann von 1992 – 1993 als Zahnarzt die Praxis mit den notwendigen Geräten auszustatten (z.B. Röntgengerät, Kunststoff-Verarbeitungs-Lampe) und eine Weile dort unter Favela-Bedingungen zu leben und zu arbeiten.

Die Frage

Was hat dieser Aufenthalt, rückblickend, in unserem Leben bewirkt? Es war eine Frage der Projektleitung an uns ehemalige Freiwillige, die für eine Oktoberwoche nach Monte Azul eingeladen waren, wenn sie inzwischen das 50. Lebensjahr überschritten hatten – und insofern über eine entsprechende Lebenserfahrung verfügten. Ich bin diesem Ruf gerne gefolgt, denn mein erster Sohn ist damals in São Paulo geboren worden – so begann es. Und mein Patenkind Thedjô (Sohn eines brasilianischen Schamanen vom Stamme der Fulni-ô in Pernambuco) spricht außer Yatê, der Stammessprache, auch portugiesisch – was für unsere Verständigung in der Zukunft sehr nützlich ist. Ich habe portugiesisch mit 27 Jahren in Monte Azul gelernt, Thedjôs Vater Thini-á, den ich 2012 in Österreich kennenlernte, hat es mit 15 gelernt, nachdem sein Stamm überfallen worden war; wobei sein Vater und die Mehrzahl seiner Geschwister getötet wurden. Thini-á entschloss sich damals, nicht den Pfad der Bitterkeit, der Rache und des Hasses auf die Weißen zu gehen, die das getan hatten. Sondern sich mit ihrer Sprache und ihrer Kultur auseinander zu setzen. Er lernte Portugiesisch, studierte, ließ als Vermittler zwischen den Kulturen Menschen in ganz Brasilien und später auch im Ausland an seinen Traditionen teilhaben. Im Laufe der Jahre sind wir uns näher gekommen. Es könnte ein Zukunftsprojekt sein, in seiner Heimat eine Waldorfschule zu gründen.

Eine Waldorfschule dort zu gründen, das war nicht meine Idee, sondern seine; nachdem er über die Waldorfpädagogik gelesen hatte und befand, dass das genau die Form von Wissensvermittlung sei, die die Kinder seines Stammes benötigen. Als er mir das zu meiner Überraschung eines nachts im Garten hinter seinem Haus in Aguas Belas erzählte, waren wir schon über zehn Jahre lang befreundet. Zufälle gibt’s…

Die Frage, was meine Tätigkeit in Monte Azul 1992-1993 für mich und für die Welt bedeutet, geht also in zwei Richtungen: in die Vergangenheit. Und in die Zukunft.

Die Vergangenheit

Als ich am Sonntag vor dem Seminar, frisch in São Paulo gelandet und noch allein, einen ersten Erkundungs-Spaziergang durch die Favela mache, die vor über dreißig Jahren mein Arbeits- und Wohnort war, fallen mir die Fortschritte in der „Urbanisierung“ auf: kein verdreckter Bach mehr, der sich stinkend zwischen den Hütten hindurch schlängelte, keine Holzhütten mit Pappdächern. Auf dem zentralen Platz ist ein Sportplatz entstanden – großformatige Fotos einer Wanderausstellung sind aufgehängt, die mich sehr ansprechen: der Fotograf hat die Menschen hier auf eine sehr berührende, ästhetisch ansprechende Weise portraitiert: der kann wirklich was! Am nächsten Tag gehen wir diesen Weg noch einmal, nun als Gruppe von acht Menschen, die sich vor langer Zeit dieser hier lebenden Idee angeschlossen und sie mit ihrem Tun genährt haben – und die natürlich auch selbst durch dieses Tun und das Hier-Leben einen bunten Mosaikstein in ihrem Lebens-Rucksack mit sich tragen. Auf dem Sportplatz taucht dann unerwartet ein junger, kräftiger Brasilianer auf und unterhält sich mit Renate, einer der Projekt-Gründerinnen der ersten Stunde, die uns begleitet. Und dann geschieht etwas, was mich, zugegeben, tief berührt: „Rudolf?!!“ – er sieht mein Namensschild, das wir an diesem ersten Tag alle tragen – und plötzlich sind 32 Jahre wie weg gewischt und zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, umklammern sich mit Tränen in den Augen: Leonardo! Ein Fünfjähriger damals; inzwischen Journalist und Photograph mit eigener Familie hier in São Paulo. Und ich, blutjunger Zahnarzt damals, inzwischen mit angegrauten Haaren dem Ende meiner Laufbahn in Deutschland entgegen arbeitend. 32 Jahre haben wir uns in völlig unterschiedlichen Welten vorwärts bewegt – und doch war da offenkundig damals etwas Verbindung Schaffendes, jenseits von Zeit und Raum. Ein Wiedertreffen zweier Seelen, ein Wieder-Erkennen, obwohl wir inzwischen in Gestalt und Wesen ganz andere Menschen geworden sind.

In der abendlichen Gruppenarbeit, in der jeweils zwei aus unserem Kreis ihren Bericht vortragen, was sie zu dem damals noch jungen Sozialprojekt geführt hat, wie sie ihr Leben hier vor Ort damals erinnern und was dies in ihrer weiteren Biographie bewirkt hat, wird deutlich, dass dieser zutiefst christlich angelegte Impuls von Monte Azul wie ein Licht im Dunkel wirkt. Ein Licht, das alle gemeinsam entzünden, zu dem jeder etwas hinzufügen und es heller werden lassen kann – an dem aber auch Menschen sich entzünden können, deren Kerze zunächst noch nicht gebrannt hat.

Im Äußeren ist das sichtbar: wo Kinder in einer Musikschule Violine spielen lernen, verdrängt dies den Ungeist. Hier  zum Beispiel: die Drogen. Kinder, die Violine spielen, sind weniger drogengefährdet als andere. Aber auch an die Anderen werden in der Umgebung einer Musikschule keine Drogen verkauft: Licht vertreibt die Dunkelheit. Ich bin kein Fachmann für derlei, aber in Monte Azul funktioniert es und mir fällt zumindest auf, dass das Abspielen klassischer Musik auf deutschen Bahnhöfen wohl ähnlich wirken soll. Und, ja, man soll sich das mal ganz bildlich vorstellen, wie ein abendlicher Laternenumzug von Kindern mit Lichtern und Gesang in dem dunklen und grauen Einerlei der Vorstadtviertel von São Paulo ein Abbild und Zeichen möglichen Friedens sein kann.

Es wirkt.

„Horizonte Azul“ war in frühen Jahren des Projektes ein vor den Toren der Stadt gelegenes Landareal, das als Ausflugsort für die in der Steinwüste aufwachsenden Kinder von Monte Azul dienen konnte. Inzwischen hat die wachsende Großstadt diesen Ort eingeholt und umbaut – die Kindergärten und Vorschule sind aber (neben dem biodynamischen Lehrgarten) in diesem von trotzigem Überlebenskampf geprägten Randbereich der Metropole wie ein Zeichen, dass es auch anders geht! Wie die noch sehr junge Musiklehrerin, deren Unterricht wir besuchen dürfen, es schafft, ohne die Stimme zu erheben, in ihrer Klasse für Ruhe und Gleichklang (im wahrsten Sinne des Wortes) zu sorgen, ringt mir tiefsten Respekt und Bewunderung ab.

Ein weiterer Besuch unsererseits in den heutigen Aktivitäten des Vereins von Monte Azul gilt dem Gesundheitswesen. Zu meiner Zeit war gerade ein kleines Ambulatórium gebaut worden, um grundlegende Gesundheitsbedürfnisse der kleinen Gemeinschaft stillen zu können: Flöhe, Läuse und Würmer waren die nervenden Dauerbegleiter der kleinen Kindergemeinschaften. Das ist vorbei.

Leider hat die von der Stadt vorgegebene Zentralisierung der Kindergärten unter ein großes Dach den früheren Charme der kleinen Oasen zwischen den Hütten der Bewohner abgeräumt – und da die Regierung eine staatliche Vorschule fordert, ist für Kinder ab vier Jahren Schluss mit der Waldorfpädagogik (und das Entwicklungs-Konzept, Kinder im Alter zu durchmischen, kann nicht mehr richtig gelebt werden). Andererseits muss man zugestehen, dass sich der Staat hier nun um die Kinder kümmert! Und auch um deren Gesundheit. Während das Gesundheitssystem in den meisten Ländern dieser Welt schlechter wird, geht Brasilien hier neue und gute Wege: die Basis-Gesundheitsvorsorge ist auf Staatskosten geregelt und für ausnahmslos jeden (auch für uns Ausländer) gebührenfrei zugänglich. Organisiert werden auch große Gesundheitszentren oft in freier Trägerschaft durch NGOs – auch Monte Azul hat eine solche Verantwortung übernommen und verwaltet inzwischen ein beeindruckend großes Ambulatórium und ein Drogenklinikum mit großem Einzugsbereich. Ich vermisse, ehrlich gesagt, meinen Albert-Schweitzer-Pionier-Zauber von früher und meine Bilder an den Wänden. Aber die Welt ändert sich eben, und … gesünder sind die Kinder heute schon. Am Ende seiner „Philosophie der Freiheit“ schreibt Rudolf Steiner: „Man muss sich der Idee erlebend gegenüber stellen, sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.“ So ist es wohl.

Zukunft

Ich war einigermaßen überrascht, als mein Freund Thini-á, bei meinem Besuch in seinem Haus in Pernambuco, spätabends in seinem Garten von seinem Laptop aufschaute und sagte: „Man müsste hier eine Waldorfschule gründen: die Waldorf-Pädagogik wäre gut für unseren Stamm.“ Es gäbe nur eine Sache, fügte er hinzu, die schwierig sei: „Waldorf scheint nur für Reiche zu funktionieren.“

In zwölf Jahren hatten wir nichts darüber ausgetauscht. Ich bin ein Pilger der Tat, kein Missionar. Er wusste, daß ich in São Paulo im Slum gearbeitet hatte – aber von Anthroposophie war nicht die Rede gewesen. Oder nur am Rande. Das war seine Idee, das hatte er sich erarbeitet. Gut, es gibt keine Zufälle. Das ganze Bestreben von Monte Azul war und ist darauf ausgerichtet, Waldorfpädagogik und ihre Ideen für Arme möglich zu machen (und die Ideen Rudolf Steiners waren ja auch ursprünglich von Emil Molt, dem Direktor der Waldorf-Astoria-Werke, für die Arbeiterkinder dieser Fabriken in die Welt gebracht worden). Ich habe Thini-á dann zwei Telefonnummern gegeben und einen Monat später war er bei Ute Craemer in Monte Azul. Ich weiß noch nicht, wie das in der Zukunft weiter geht. Und – was meine Aufgabe dabei sein kann. Mir imponiert, wie die Fulni-ô seit hunderten von Jahren ihre Sprache bewahrt haben, ihre Kultur bewahrt haben, trotz aller zerstörerischen Einflüße von außen. Wir sind Kinder EINES Geistes, wir lassen uns nicht spalten. Jeder hat etwas zu sagen. Von jedem können wir etwas lernen.

Ahriman

Bei meinen Flügen nach Brasilien hatte ich mir jeweils in letzter Minute Bücher in das Handgepäck eingesteckt: „Die Zukunft Ahrimans und das Erwachen der Seelen“, von Peter Selg. Und Rudolf Steiners „Vorträge über Ahrimans Inkarnation im Westen. Eine unabdingbare Hilfe zur Bewältigung der Gegenwart.“ . Erst bei der Lektüre an Bord merkte ich, wie aktuell diese Materie ist. 

Für Ostern 2020 hatten wir die Taufe meines Patenkindes Thedjô in Pernambuco geplant – Corona kam dazwischen und ich war am Ende froh, dass es damals nicht „auf den letzten Drücker“ doch noch geklappt hatte: dann wäre ich der Europäer gewesen, der das Virus zu den Indios getragen hätte… (Es kam auf anderen Wegen in den Stamm). 

Thini-á und ich haben viel telefoniert, in dieser Zeit. Er war als Schamane Vertreter einer Ahnenmedizin, die sich auf vielerlei versteht, aber nicht auf die Heilung von Viruserkrankungen. Damit hatten wir Europäer von Anfang an viel Unheil in das Land getragen. Was hat er also getan? Viele Stammesangehörige in ihrer letzten Zeit begleitet, bis an die Schwelle des Todes – und sie vorbereitet. Diese Tätigkeit, mit begrenzten Ressourcen und oft an der Grenze der eigenen Kräfte, war für ihn eine „Feuertaufe“ (diesen Begriff hatte ich damals gefunden und übersetzt – er hat ihn verstanden und wusste etwas damit anzufangen). Und ich? Hatte gerade erlebt, wie der dement gewordene Vater einer meiner Angestellten – im Januar 2020 ins Pflegeheim gebracht und dann im Frühjahr plötzlich, für ihn völlig unverständlich, ohne jeden Kontakt zu Pflegenden und Angehörigen –  sich in der völligen Isolation vor Verzweiflung umgebracht hatte. Welche Gesellschaft war denn nun die Primitive?  

Ich habe mich über diese Frage und über meine damals früh aufgestellte Behauptung, dass es auch andere „Corona-Opfer“ gäbe als diejenigen, die uns alle Viertelstunde in den Radionachrichten serviert wurden, mit manchen zerstritten. Mit einigen nur zeitweise. Mit anderen dauerhaft, jedenfalls bis heute. Ahriman, der „dunkle Fürst der Lüge und der Spaltung“ (laut Steiner), hatte die Welt damals fest in die Zange genommen; erst in der Corona-Zeit, dann, unmittelbar anschließend, auch durch die  Auseinandersetzungen in der Ukraine und in Palästina. Wie tief die Spaltung zwischen den Menschen wirksam werden konnte, hatte ich erstmals in Brasilien erlebt, als die Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der Regierungspartei PT (Partido dos Trabalhadores, auch heute wieder im Amt) und denjenigen, die sich dem Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro zugehörig fühlten, quer durch alle Gruppen und Familien Brasiliens nahezu religiös-wahnhafte Ausmaße annahm. Auch medizinische Fragen, wie die Wirksamkeit von Impfungen und Medikamenten, wurden damals millimetergenau entlang von politischen Parteizugehörigkeiten entschieden (was skurilerweise bis heute andauert).

„Generell“, so Steiner, „werde die Aufspaltung der Menschen in sich bekämpfende Gruppen dramatisch zunehmen, und dies keinesfalls nur im Hinblick auf religiöse Fragen. Auch im Umgang mit wissenschaftlichen „Belegen“ oder „Beweisen“ für ein erstrebtes Vorgehen werde sich die Militanz der Auseinandersetzung immer weiter steigern“. Verschiedene Gruppierungen werden, so sagte Steiner voraus, für sich die Eindeutigkeit wissenschaftlicher „Fakten“ in Anspruch nehmen; man könne jedoch „von allen diesen Dingen ganz genau ebenso exakt das Gegenteil beweisen“. Die so geführten „Beweise“ reichen nicht an die „Tiefe“ des Seins, berühren nur eine obere Schicht der Wirklichkeit. Am 1. November 1919 hieß es dazu:

„Dann werden sie das Entgegengesetzte beweisen, der Eine dieses, der Andere jenes, die eine Gruppe dieses, die andere Gruppe jenes; und da man beides beweisen kann, so werden die Menschen übergehen zu Hass und Erbitterung, die wir ja genügend in unserer Zeit finden. Das alles sind wiederum Dinge, die Ahriman fördern will zur Förderung seiner eigenen Erdeninkarnation.“ (zitiert bei Peter Selg, siehe unten).

Wir alle können da ein Lied von singen. Als wir im Frühjahr 2020, nach intensiver, meist nächtlicher Prüfung aller uns damals zugänglichen Fakten im Internet (und nach der Reaktivierung bestehender moralischer Grundüberzeugungen, die die Lektüre des existenzialistischen Werkes „Die Pest“ von Albert Camus beinhaltete), damals ganztägig unsere Praxis aufhielten („Augen auf bei der Berufswahl“!) wurde uns von einigen Kollegen „Unverantwortlichkeit“ vorgeworfen. Obwohl wir auf unserer Praxis-Webseite detailliert und mit Quellen-Belegen unser Handeln begründeten. 

Als ich, vorsichtig, tastend, damals einwendete, nur die Zukunft könne zeigen, ob mein damaliger Verdacht, dass Schweden es besser mache als andere Länder, wurde ich von einigen aus ihrem Freundeskreis entfernt. Und, ja, ich habe immer (gegen die Bestrebungen Ahrimans!) auf Hegelscher Dialektik bestanden: These – Antithese – Synthese! Und das tue ich bis heute. Und verweise ansonsten – nun inzwischen nach der Corona-Zeit – auf die Erfahrungen der Amish-People in Nordamerika, die vergleichsweise gut durch diese Zeit gekommen sind. Ohne so vieles, was uns damals unentbehrlich erschien. Man kann das alles nachlesen, wenn man denn möchte. Was war denn nun mit den vielen Indios, die in der Anfangszeit von Corona verstorben waren? Ich habe Thini-á gefragt. Und, ja, es waren diejenigen, die ohnehin an der Schwelle zur Heimkehr zu Êdjadua, dem Espirito grande, dem Großen Geist standen. Auch in Norddeutschland hatten wir früher den Satz, dass die finale Lungenentzündung der „Freund des alten Mannes“ war: es ist schließlich kein Vergnügen, ewig an der Schwelle zur Geistesheimat herum zu siechen. Irgendwann und irgendwie muss man da rüber! Der Altersdurchschnitt der 2020 an Corona Verstorbenen lag zwei Jahre über dem Durchschnitt aller in diesem Zeitraum Verstorbenen. Und, ja, was Steiner zu Zahlen und Fakten schrieb, die unter ahrimanischem Einfluss als Waffe verstanden werden und nicht zur Verständigung und Einigung, gilt auch für meine kurzen, zusammenfassenden Ausführungen hier.

Was hat das mit Brasilien zu tun? Ich habe bei meiner Reise im Oktober – auch unter Anthroposophen – die oben beschriebenen Gegensätze in unverminderter Härte aufeinanderprallen erlebt. Pro Impfung – gegen Impfung. Ich habe mich den Diskussionen nicht gestellt – zur Zeit macht das wenig Sinn, es sei denn, man nimmt sich zwei Schlafsäcke und einen Vorrat an Essen und Trinken und diskutiert so lange, bis einer umkippt. Oder überzeugt ist… Und: man sollte sich während der Diskussion immer wieder daran erinnern, dass der dunkle Geist der Lüge und der Spaltung anwesend ist und kein Interesse daran hat, dass man sich einigt. Vielleicht schafft man es dann!?

Ich habe in der Favela Monte Azul in einem der Räume ein Schild an der Wand gesehen. Es hat mich tief berührt, weil es in wenigen Worten alles ausdrückte, was ich für wichtig halte:

„Fazer o Bem sem Olhar a Quem!“ („Das Gute tun, ohne zu schauen, für wen“)

Es ist der anti-ahrimanischste Impuls, den ich mir vorstellen kann. Und unser Gedicht natürlich, dasjenige von Franziskus von Assisi, das vor jeder Versammlung in der Runde gemeinschaftlich gesungen wird.

Es wirkt.

Dr. Rudolf Völker, Hamburg

(1) Zweig, Stefan: Brasilien. Ein Land der Zukunft Bermann-Fischer Verlag, Stockholm 1941

(2) Craemer, Ute: „Favela Monte Azul“ und „Favelakinder“, Verlag Freies Geistesleben

(3) Batarilo, Dunja: Die Brückenbauerin, Scoventa 2014

(4) Steiner, Rudolf: „Was tut der Engel in unserem Astralleib?“, Vortrag Zürich Oktober 1918

(5) Selg, Peter: Die Zukunft Ahrimans und das „Erwachen der Seelen“, Verlag am Goetheanum 2021

(6) Steiner, Rudolf : „Die Vorträge über Ahrimans Inkarnation im Westen aus dem Jahre 2019“, Perseus Verlag 2016/2021

Gebet für den Frieden (Hl. Franz von Assisi)
Herr, mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.